Willkommen im 21. Jahrhundert

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Das war die Überschrift, die ich eigentlich für diesen Beitrag wählen wollte.

Hintergrund: Meinem Mandanten wird eine Vielzahl von Betrugstaten im Rahmen von Online-Privatverkäufen vorgeworfen. Dabei heraus kam ein Aktenkonvolut von 85 Bänden: Jeder Verkauf eine Fallakte. Das freut den Verteidiger und sein Sekretariat – nicht. Denn: gleich ob er die Akten einscannt oder kopiert: Die Bände müssen, egal ob sie 3 oder 300 Blatt beinhalten, einzeln aufgeheftet, in den Einzug gegeben werden und so weiter. Ach ja: und bei jedem 20 Blatt muss der Papierstau beseitigt werden, der zustande kommt, weil die Heftklammer soweit innen eingetackert wurde, dass man es beim Einlegen nicht merkt.

All das spricht zwar aus meiner Sicht ganz stark für die zügige Einführung der elektronischen Akte auch in der Strafjustiz, ist aber nicht der Grund für mein zunächst gefasstes Vorhaben, die obige Überschrift zu wählen. Die kam mir in den Sinn, als ich dieses Sonderheft aus dem Stapel zog:

 

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Ich fühlte mich spontan an das Wehklagen des Kollegen Hoenig aus Berlin erinnert, der seine Erfahrung etwa hier und hier kurzweilig schildert (und dessen Blog auch ansonsten absolut zu empfehlen ist).

Aber: Als ich reinschaute, musste ich zumindest den gehässigen Unterton, mit dem sich diese Überschrift bereits in meinem Kopf gebildet hatte, zurücknehmen:

Es ist zwar tatsächlich aberwitzig, wenn im Jahr 2016 noch immer kiloweise Papier, eingeheftet zwischen 85 Pappdeckeln, verschickt werden muss, um alle Verfahrensbeteiligten verlässlich über den Stand des Verfahrens und das Ergebnis der Ermittlungen zu informieren – und dies wird auch durch das Ausdrucken und Einheften von Excel-Tabellen geradezu versinnbildlicht.

Dem Sachbearbeiter aber, der die Excel-Tabellen angelegt hat, ist eigentlich ein großes Lob auszusprechen. Er hat sich nämlich die Mühe gemacht, die einzelnen Fälle nebst Schaden, Aktenzeichen und Fallakten-Nummer sowie einiger Zusatzinformationen übersichtlich aufzulisten und damit dem vom Kollegen Hoenig so treffend beschriebenen „Trennungs-“ bzw. in diesem Fall Verbindungschaos vorzubeugen. Dass die Ausstattung seiner Behörde mit seinem Pragmatismus nicht ganz mithalten kann, ist bedauernswert.

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Ich weiß nur: Ich werde nicht mit kiloweise Aktenmaterial zum Termin erscheinen. Im Jahr 2016 reichen auch knapp 0,9 Kilo Elektronik…

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